
Auftraggeber*innen: Detlef Diedrich, Karin Gundlach, Gabriele Heenemann, Lutz Peters (†), Peter Schüler, André Stoye, Elke Stoye (Foto:Victoria Tomaschko)
Ummanzer Bürger*innen geben ein Kunstprojekt in Auftrag, das sich mit dem Verschwinden der kleinen Küstenfischerei auseinandersetzt.
Europaweit befindet sich die Küstenfischerei in einer Krise, die zu ihrem Verschwinden führen wird. Wenn die Fischer ihre Existenzgrundlage verlieren oder sich ihr Berufsfeld wandelt, verschwinden die Erinnerungen und wertvolles Wissen geht verloren. Darum wollen wir, die Neuen Auftraggeber von Ummanz, eine Produktion in Auftrag geben, die voller Zuversicht und mit Humor die Leistungen der Küstenfischer und ihrer Familien anerkennt und für alle zugänglich macht. Denn der Fisch ist stumm aber der Fischer nicht!
Die Insel Ummanz westlich von Rügen war über Jahrhunderte ein Zentrum der lokalen Küstenfischerei. Doch die steht nun vor dem Verschwinden – wie an vielen anderen Orten in Europa. Industrielle Großfischerei und Landwirtschaft sowie der Klimawandel gefährden das ökologische Gleichgewicht, die Fangquoten sinken und die wirtschaftliche Basis vieler selbstständiger Fischer bröckelt.
Das traditionelle Handwerk der „kleinen Küstenfischerei“ mit seinen nachhaltigen Fangmethoden ernährt die Fischer und ihre Familien kaum noch. Dabei ist die Küstenfischerei mehr als nur ein Wirtschaftszweig – sie ist ein jahrhundertealtes kulturelles Erbe, das die Insel und ihre Menschen maßgeblich geformt hat – ihre Sprache, ihren Alltag, ihre Traditionen.




Fotos: Victoria Tomaschko für die Neuen Auftraggeber
„Der Fisch ist stumm. Wenn die Fischer ihre Existenzgrundlage verlieren oder sich ihr Berufsfeld wandelt, verschwinden die Erinnerungen und wertvolles Wissen geht verloren.“ (Aus dem Auftrag)
Die Neuen Auftraggeber von Ummanz wollen die Küstenfischerei in den Blick rücken – mit einer künstlerischen Produktion, die ihre Geschichte, ihr Wissen und ihren Wandel erfahrbar macht.
Die Küstenfischer eint ein tiefes Verständnis für ökologische Zusammenhänge und die Zyklen der Natur, handwerkliches Geschick und unternehmerisches Gespür. Mit dem Rückgang der Fischerei droht ihr über Generationen weitergegebenes Wissen zu verschwinden. Symbolhaft für das Ende einer Ära steht heute ein Apartmentgebäude da, wo einst der Hafen war, und zwei ausrangierte Kutter wurden zu Museumsschiffen umgebaut – Relikte der sterbenden Tradition.
Mit einem Kunstwerk sollen die Küstenfischer und ihre Familien für ihre Leistungen gewürdigt und ihre Bedeutung für alle erlebbar gemacht werden.


Fotos: Susanne Burmester / Kunstverein Rügen e. V. / Circus Eins Projekte
Für diesen Auftrag hat die Gruppe mit Amanda Piña die passende Künstlerin gefunden. In ihren Arbeiten macht sie unterdrücktes, verlorenes oder nicht gesehenes Wissen als Erfahrung für viele neu zugänglich. Seit 2014 erforscht sie im Rahmen ihres Langzeitprojekts Endangered Human Movements den Zusammenhang zwischen dem Verlust biologischer und kultureller Vielfalt. Ihre Recherche widmet sich überlieferten Bewegungspraktiken, die über Jahrhunderte hinweg weitergegeben wurden und heute vom Verschwinden bedroht sind – darunter auch Gesten und Materialien, die mit Fischereitraditionen und dem Leben an der Küste verbunden sind.

Porträt Amanda Piña: Bea Borgers
„Ich fühle mich diesem Auftrag sehr verbunden: In Mexiko und Chile, wo ich herkomme, sind Meeres-Ökosysteme und Küstenfischerei ebenfalls stark bedroht – allen voran von Rohstoffindustrien und Monokultur-Wirtschaft, die den Klimawandel vorantreiben. Das muss sich ändern.“ (Amanda Piña)
Ihren Performances, Videos, musikalischen und skulpturalen Arbeiten liegt außerdem eine Haltung zugrunde, die nicht nur Menschen, sondern auch andere Lebewesen, Dinge, Landschaften oder Kräfte als Mitgestalter*innen einer gemeinsamen Welt begreift – und darüber nachdenkt, wie sich daraus neue Formen von Verantwortung und Gemeinschaft ergeben.
Ihre Arbeiten wurden weltweit in Theatern, Museen und Kulturzentren präsentiert, darunter die Kunsthalle Wien, die Fondation Cartier pour l’art contemporain in Paris, das mumok in Wien, der deSingel Arts Campus in Antwerpen, Kunstenfestival des Arts in Brüssel, das Museo Universitario del Chopo in Mexiko und das GAM in Santiago de Chile. 2024 war sie Gastprofessorin für die Valeska-Gert-Choreografie-Professur an der Freien Universität Berlin.


Fotos: Victoria Tomaschko für die Neuen Auftraggeber
„Der Fisch ist stumm. Wir wollen das Wissen der Küstenfischer nutzen, um uns Menschen neue Perspektiven auf die Küstenfischerei zu eröffnen.“ (Aus dem Auftrag)



Fotos: Victoria Tomaschko für die Neuen Auftraggeber
Die Auftraggeber*innen fragen: Wie verändert sich eine Region, wenn die Küstenfischerei verschwindet? Wie können wir ihr immaterielles Erbe erhalten, welche Geschichten müssen dazu erzählt, welche Bilder bewahrt werden? Wie können nachhaltige Wirtschaftsweisen erhalten und weiterentwickelt werden? Und welche neuen Perspektiven ergeben sich daraus für unsere Zukunft? Darauf wünschen sie sich von Amanda Piña eine künstlerische Antwort – und zwar eine, die bleibt. Das passt zu Amanda Piñas Arbeitsweise: Für ihre performativen Arbeiten denkt sie immer auch Formen der Langlebigkeit mit.
Amanda Piña arbeitet kollaborativ, auch an öffentlichen Orten und jenseits klassischer Bühnenräume. Mit einer sinnlichen, farbenfrohen und oft transmedialen Ästhetik, der Einbindung traditioneller Elemente und der Verbindung von lokalen mit globalen Fragen schaffen ihre Werke vielfältige, mitreißende Zugänge. Auch das entspricht einem Wunsch der Auftraggebergruppe: Die künstlerische Arbeit soll Alteingesessene, Zugezogene und Gäste gleichermaßen einbeziehen und auch zukünftige Generationen ansprechen. Sie soll außerdem mit Humor und Zuversicht arbeiten.
„Der Fisch ist stumm. Wir wünschen uns eine Produktion, die Erzählungen, Erfahrungen und handwerkliche Arbeitsabläufe der Küstenfischer erlebbar macht.“ (Aus dem Auftrag)


Fotos: Victoria Tomaschko für die Neuen Auftraggeber
„Wir wollen die Stimme der Küstenfischer hören und die Bilder ihrer Arbeit und ihres Lebens in unseren Erinnerungsschatz aufnehmen. Denn der Fisch ist stumm aber der Fischer nicht!“ (Aus dem Auftrag)
Im Programm Neue Auftraggeber: Tanz und Performance im Bürgerauftrag der Gesellschaft der Neuen Auftraggeber beauftragen Menschen ein Kunstwerk für ihr lokales Umfeld. Anlass ist immer ein dringliches gemeinsames Anliegen. Erfahrene Künstler*innen, Choreograf*innen und Tänzer*innen reagieren mit neuen Arbeiten darauf. Expert*innen für Kunst im Bürgerauftrag – die Mediator*innen – begleiten den Prozess auf dem gesamten Weg. Bis Ende 2027 entstehen deutschlandweit 14 Auftragsarbeiten im Bereich Tanz und Performance. Grundlage des Programms sind die zeit- und ergebnisoffenen Prozesse des Modells Neue Auftraggeber. Sie bieten Bürger*innen Strategien für aktuelle Herausforderungen – und zwar genau dort, wo sie gebraucht werden.
Initiiert und uraufgeführt in Tanz und Performance im Bürgerauftrag, einem Programm der Gesellschaft der Neuen Auftraggeber. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Gefördert von dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

